Kampf des Negers und der Hunde
von Bernard-Marie Koltès
mit Reinhard Böhm, Hajo Fickus, Tilman Schauwecker und Monika SchülerAufführungen im Kornhaus Wangen:
Samstag, 5. November 2005, 20.00 Uhr
Sonntag, 6. November 2005, 20.00 Uhr
Samstag, 12. November 2005, 20.00 Uhr
Sonntag, 13. November 2005, 20.00 Uhr
Schauplatz der Handlung ist die Straßenbaustelle einer französischen Firma in einem westafrikanischen Land "irgendwo zwischen Senegal und Nigeria". Es beginnt wie ein Krimi: Ein schwarzer Arbeiter ist vom weißen Ingenieur Cal erschossen worden, weil er den Gehorsam verweigert und dem weißen Vorgesetzten vor die Füße gespuckt hatte. Alboury, "Bruder" des Ermordeten, fordert im Auftrag der Dorfgemeinschaft unnachgiebig die Herausgabe des Leichnams; doch Cal hat den Toten, um die Tat zu verschleiern, in die Latrinen am Fluß geworfen, wo er nicht mehr aufzufinden ist. 
Horn, der Baustellenleiter, deckt seinen europäischen Mitarbeiter und versucht, den Schwarzen mit Bestechungsgeld, Alkohol und Drohungen dazu zu bewegen, auf die Leiche zu verzichten. Kompliziert wird die Situation noch dadurch, dass soeben Horns Verlobte Lèone angekommen ist. Sie erklärt den Kontinent, von dem sie außer der Baustelle kaum etwas zu Gesicht bekommt, auf Anhieb zu ihrem "Sehnsuchtsland"....
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Kritik der Schwäbischen Zeitung vom 7. November 2005
Von Babette Caesar
WENN DIE WEISSEN DIE "HUNDE" SIND!
WANGEN - Vom Leben auf einer Baustelle "irgendwo zwischen Senegal und Nigeria" handelt das Drama "Kampf des Negers und der Hunde". Von einer scheinbaren Normalität erzählt das Stück, doch stark verdichtet zu einer Metapher für das Heute in der Welt. Die "Theatergruppe Kiesel" hat es am Samstagabend in einer Inszenierung von Hajo Fickus im Foyer der Kornhaus-Bücherei aufgeführt.
Bernard-Marie Koltès - 1948 in Metz geboren und 1989 im Alter von nur 41 an den Folgen von Aids gestorben - gehörte zu denjenigen jungen französischen Autoren, die von sich reden machten. Sein 1979 geschriebenes Stück "Kampf des Negers und der Hunde", mit dem Patrice Chéreau 1883 sein "Théâtre des Amandiers" in Paris-Nanterre eröffnete, steht in der Tradition des zeitgenössischen "poetischen Realismus": Es stellt nicht in erster Linie soziale Missstände bloß, sondern wirkt im Sinne einer Fabel, die real Dramatisches und dessen mythische Überhöhung miteinander verknüpft. Diese Intensität wechselnder Ebenen aus tatsächlich Geschehenem und träumerischem Wunschdenken haben die vier "Kiesels" Monika Schüler als "Léone" und Geliebte von Baustellenleiters "Horn" mit Tilman Schauwecker, Hajo Fickus als der schwarze "Alboury" und der Ingenieur "Cal", gespielt von Reinhard Böhm, auf die Bühnenbretter gebracht.
Dabei hat sich das Ensemble mit Emanuel Deschler an der Technik dicht an sein Publikum gewagt, indem die Bühne statt in klassischer Manier bei dieser Inszenierung mittendrin platziert ist. Scheinbar harmlos, wie en passant startet die erste Szene mit Alboury, der sich mittels Schminke zum "Neger" macht, Madame Léone kommt aus Paris angereist, um ihre neue Liebe Horn zu heiraten. Jeder der vier Akteure bleibt in seiner eigenen bescheidenen Welt verhaftet - sie zählt ihre Pullis, Horn ringt mit dem Sinn seines bisherigen Lebens, Cal lässt auf immer neuen erlogenen Wegen die Leiche des Bruders von Alboury verschwinden und letzterer beharrt mit einer unerhörten Penetranz auf die Herausgabe genau dieser. Auf tragisch brisanten Weisen suchen sie nach Wegen, um sich aus der jeweils verhedderten Situation heraus zu winden. Packend sind die Dialoge zwischen Horn und Cal, wenn sie sich verbal höchst authentisch um die Rechtmäßigkeit am Tod des Bruders streiten. Warum ist es für Alboury überhaupt so wichtig, die Leiche zurück zu bekommen?
Es klaffen Welten zwischen den Auffassungen der Weißen, die - von schwarzen Wachtposten umzingelt - wie Aussätzige in ihrer Enklave hocken und trotzdem die alleinige Macht beanspruchen, und denen da draußen, die sich untereinander als "Brüder" verstehen. Cal, der die Leiche nach mehrfachen Anläufen, sie endlich los zu werden, schließlich in der Latrine verschwinden lässt, trauert zu allererst um seinen kleinen weißen Hund "Toubab", der zusammen mit dem Schwarzen untergetaucht ist. Ihn hat er gekannt, der andere war nur Tagelöhner, der ihm vor die Füße gespuckt hat. Böhm "ist" dieser miese und ebenso hilflos-kindliche Charakter, der am Schluss auf Betreiben von Horn erschossen wird - verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit und so zum wieder gefundenen "Bruder" von Alboury wird. Ist dieser mit dem Ergebnis zufrieden? Die Frage bleibt ohne definitive Antwort, doch das Gefühl von Entspanntheit kommt auf, so als hätte Alboury das ihm fehlende Stück Wärme zurück erhalten. Léone nimmt den Part der scheinbar Unbedarften ein, die von der gewohnten in diese neue Welt purzelt und das Drama nicht ohne weiteres als solches anerkennen mag. Sie schwelgt in der Schönheit Afrikas, erkennt die Absurdität der Konflikte nicht an und erlebt damit einen bitterbösen Reinfall. "Ich habe keine Angst. Ich bin ein freier Mensch!" ist von ihr im Brustton noch unbefleckter Überzeugung zu hören und wird im gleichen Atemzug zur Farce degradiert. Genau diese tagtäglich gelebte Idiotie führt Koltès in überhöhter Form vor und die Theatergruppe Kiesel hat sie glaubhaft umgesetzt.