NATHANS TOD
von George Tabori
nach LessingAufführungen im Kornhaus Wangen
Samstag, 24. Februar 2007
Sonntag, 25. Februar 2007
Samstag, 03. März 2007
Sonntag, 04. März 2007
Beginn jeweils 20.00 Uhr
Aufführung in Isny (Aula des Gymnasiums)
Mittwoch, 07. März 2007, 20.00 Uhr
Mitwirkende:
Simon Bongard (Al Hafi), Emanuel Deschler (Klosterbruder), Hajo Fickus (Nathan), Markus Hochstrasser (Tempelherr), Sabine Jäck (Sittah/Mädchen), Tilman Schauwecker (Saladin) und Monika Schüler (Patriarch); Technik: Armin Peter; Regie: Hajo Fickus
"NATHANS TOD" besteht aus – teils original übernommenen, teils radikal veränderten und umgedeuteten – Szenen aus „Nathan der Weise“ und anderen Texten von Lessing.
Immer noch ist Nathan der an die Kraft der Rationalität und der Menschlichkeit glaubende Idealist, aber die von physischer und psychischer Gewalt beherrschte Welt, in der er lebt, lässt nur noch sein Scheitern zu. Die Frage nach dem rechten Glauben wird zum zynischen politischen Kalkül; die berühmte „Ringparabel“ will niemand mehr hören, er kann sie nur noch seinen bei einem Pogrom getöteten Kindern erzählen.
George Taboris Stück konfrontiert seinen Nathan mit den über zweihundert Jahren Geschichte, die seither vergangen sind, einer Geschichte, die Lessings Vernunftsoptimismus Lügen gestraft hat und von deren Grausamkeit er sich wohl in seinen schlimmsten Alpträumen keine Vorstellung hätte machen können.
Kritiken:
von Babette Caesar (Schwaebische Zeitung 27. 02. 2007)Kiesel bringt Lessing auf den Stand der Dinge
WANGEN - Die Theatergruppe Kiesel hat am Samstagabend im Kornhaus mit George Taboris Stück "Nathans Tod" eine Premiere gefeiert, die aufhorchen lässt und der es nicht an zynisch-makabren Witz fehlt. Das Zusammenspiel von erfahrenen wie ganz jungen Schauspielern wiegt das Dramatische mit ungewohnter Frische auf.
"Das Drama muss umgeschrieben werden", soll sich der ungarische Autor George Tabori, Jahrgang 1914, über Gotthold Ephraim Lessings 1797 veröffentlichten "Nathan der Weise" geäußert haben und hat über 200 Jahre später dessen die Welt verbessern wollendes Menschenbild recht brachial vom Sockel gestoßen. Es nüchtern betrachtet auf den Stand der Dinge gebracht und mit der Uraufführung im November 1991 unter anderem die Ereignisse vom 11. September vorweggenommen. Im Schlussakt betitelt mit "Progrom. Nathans Haus brennt. Er holt seine Kinder heraus und erzählt noch ein Geschichtchen" bringt Hajo Fickus als Nathan das Geschehen auf seinen dramatischen Höhepunkt.
Charaktere sind gut dargestellt
Nie zuvor wird er mit seinem Geschichtchen, der "Ringparabel", derart existentialistisch und am Ende mit dem Tod ringend um das Erkennen von religiöser Intoleranz gekämpft haben. Doch niemand, außer Nathans bei dem Brand getöteter Kinder, hört sie. Sie, die in Lessings idealem Werk doch so viel bewegte, verhallt im Nichts und lässt in der Schlussszene den wichtigsten deutschen Dichter der Aufklärung am Bühnenrand röchelnd zusammen brechen - nach 30 Jahren vergeblichen Versuchen sich mit Worten aus dem Abgrund zu befreien. Im Hintergrund der Bühne eingespielte Videoprojektionen mit George W. Bush und Kriegsbildern aus dem Irak.
Das von Fickus inszenierte Stück nimmt gleich im Vorspann Bezug auf heutiges Halbwissen. Simon Bongard, später als Derwisch Al Hafi, und Male Deschler, der den hinterhältigen Klosterbruder gibt, fungieren als Gegenpole - der eine intellektuell, bei dem anderen gibt es da so einen Nathan und irgendwie ist da auch noch was mit Religion, doch am Ende freuen sich alle über so viel Ringpalaver! Gut durchgehalten sind die Rollencharaktere des sensiblen Al Hafi, der unnahbaren Schwester des Sultans Sittah und der stummen Adoptivtochter Nathans mit Sabine Jäck in einer Doppelrolle: Al Hafi, der sich als Schatzmeister des Sultans Saladin versucht, doch aus den verlogenen Schiebereien keinen anderen Ausweg sieht als in den Ganges zu springen. "Borgen, Borgen ist nicht besser als stehlen!" sind seine letzten Worte, bevor er sich mit einem lautstarken "Hare Krishna" in die Fluten stürzt. Und Sittah, die sich gegenüber Saladin als die Vernünftige ausgibt, dem Juden deshalb aber nicht wohl gesonnener gegenüber steht. Ihre Stimme mag stellenweise als nicht durchdringend genug empfunden werden. In ihr verbirgt sich dafür die berechnende Kaltherzigkeit.
Wahrheit, die zur "Falle" wird
Eindrückliche Szenen sind "Die Falle", in der Tilman Schauwecker in der Rolle des muslimischen Saladin und Nathan in seiner gespielten Naivität aufeinander treffen, sowie die Begegnung zwischen Patriarch, gespielt von Monika Schüler, und dem gefangen genommenen Tempelherrn, dem Markus Hochstrasser Leben einhaucht.
Nathan, der sich mit roter Clownsnase vor dem Tribunal wieder findet und derart lächerlich gemacht von Saladin nach dem besten Glauben befragt wird. Gefolgt von dem Akt, in dem es dem Patriarch schaudert bei der Vorstellung, dass ein Kind ohne Glauben aufwächst. "Ist das nur so ein Fall des Witzes oder ist es ein Faktum in unserer lieben Stadt Jerusalem?", empört er sich nach Leibeskräften und fordert kurzerhand: "Der Jude wird verbrannt - tut nichts!"
Dazwischen als Videoeinspielung und unverblümte Direktaufforderung zum schnellen und kostengünstigen Wechseln der Religion mit "plug´n´pray": Einfach einlegen, die Installation ist kinderleicht und die Updates gibt´s kostenlos!
von Franziska Rau (Schwäbische Zeitung 12. 03. 2007)"Nathans Tod" widerlegt einen alten Traum
ISNY - In der Aula das Gymnasiums sind am Mittwochabend amerikanische Soldaten ebenso wie mittelalterliche Patriarchen aufgetreten. Die Theatergruppe "Kiesel" brachte das Theater "Nathans Tod" von George Tabori, frei nach Lessing, auf die Bühne.
Gut 200 Jahre sind seit dem Tod Gotthold Ephraim Lessings vergangen, aber die Thematik seines Dramas "Nathan der Weise" ist in diesem Jahrtausend so aktuell wie zur Zeit des dritten Kreuzzugs. Doch existiert in unserer heutigen Welt angesichts von Holocaust und 9/11 noch so etwas wie Religionstoleranz? George Taboris moderne Bearbeitung "Nathans Tod" des Klassikers verneint das entschieden.
"Nathans Tod" besteht aus teilweise veränderten Textfragmenten von "Nathan der Weise" sowie aus anderen Texten Lessings. In dessen Drama steht der reiche Jude Nathan im Mittelpunkt, der in Jerusalem zur Zeit des dritten Kreuzzuges Sultan Saladin die Religionsfrage mit seiner berühmten Ringparabel beantwortet, während er selbst mit religiösen Konflikten konfrontiert ist.
Die Theatergruppe "Kiesel" hat davon mit modernen Medien eine ebenso aktuelle wie aufwühlende Interpretation geschaffen. Hajo Fickus inszenierte das Stück mit Videosequenzen, abwechselnd mit ausführlichen Monologen. Die Schauspieler kamen dabei ohne große Kulisse aus.
"Nathans Tod" widerlegt einen alten Traum
Eine weiße Leinwand als Projektionsfläche unterstreicht die resignierte Nüchternheit des Stücks. Der Beamer unterstützt das Ensemble mit aktuellen Kriegsbildern aus dem Irak, passend zu dem Lied "I am the American dream", und wirbelnden Schachbrettern. Durch deren laute musikalische Untermalung gingen allerdings leider die Stimmen der Schauspieler etwas unter.
Mit einem "Werbefilm" für CD-Roms über die fünf Weltreligionen wurde angeprangert, wie gedankenlos unsere Gesellschaft mit Religion umgeht und sie auch häufig wechselt, frei nach dem Motto: heute bin ich Jude, morgen Muslim, ich trage ein Kreuz und glaube an die Reinkarnation.
Moderne Medien eingesetzt
In Taboris Bearbeitung wird die "Ringparabel" - vom Original abweichend - in Nathans (Hajo Fickus) gewalttätiger Welt von Sultan Saladin (Tilman Schauwecker) als nettes Märchen verworfen. Außerdem stirbt Nathan am Ende gemeinsam mit Lessings Traum von Toleranz und einem friedlichen Miteinander der Religionen.
Dabei beeindruckte Hajo Fickus als moderner Nathan im Trenchcoat durch klare Sprache und enorme Bühnenpräsenz. Monika Schüler bestach in ihrer Rolle als alternder, konservativer Patriarch besonders durch ihre keifende Stimme. "Nathans Tod" widerlegt einen alten Traum durch aktuelle Ereignisse, inszeniert mit modernen Medien.