Zappzarapp
Die Panik der Clowns hinterm Vorhang
von Wolfgang Deichsel
Mit Reinhard Böhm, Hajo Fickus, Tilman Schauwecker und Monika Schüler
Regie: Hajo FickusKlaus Cranach (Tilman Schauwecker) und Artur Buss (Reinhard Böhm), zwei alte Schauspiel-Kollegen, treten nach Jahren der Trennung zum ersten Mal
wieder gemeinsam mit ihrem alten Programm auf. Zusammen mit Hartmut Seiffert (Hajo Fickus) und der Schlangendompteuse Monika (Monika Schüler) wollen sie einige
klassische Clowns-Nummern auf die Gastspielbühne in Bad H. bringen.Die Zeit reicht aber nur für eine einzige Probe direkt vor der Aufführung. Aus dieser Probe und ihren künstlerischen und privaten Katastrophen besteht das Stück...
Premiere:
Dienstag, 31. Dezember 2002 (Silvester),
20.00 Uhr
Weitere Termine:
1., 4., 5. und 6. Januar 2003
(jeweils 20.00 Uhr)
im Kornhaus WangenDie Schwäbische Zeitung Wangen berichtete am 28. 12. 2002:
Kiesel oder die Lust am Spiel
WANGEN - "Zappzarapp - die Panik der Clowns hinterm Vorhang" heißt das neuste Stück der Theatergruppe Kiesel. Premiere ist an Silvester. Der Auftritt an diesem Termin ist ein Novum. Aufführungen der Gruppe indes gibt es schon lange: Die Silvester-Premiere wird die 100. Aufführung im Kornhaus sein, und nächstes Jahr kann die Gruppe 20. Jubiläum feiern.
Von unserer Redakteurin Jutta Nichter-Reich
In den silbergrauen Requisiten-Kisten hat sich allerhand angesammelt über die Jahre: rote Paillettenkrawatten, dicke Brillen, schräge Hüte und schrille Hemden. Das ist praktisch und erleichtert die Arbeit. Denn in der Theatergruppe Kiesel müssen die Mitglieder Multitalente sein: ihre eigenen Kostümschneider, Maskenbildner, Techniker und Requisiteure.
Probe: Monika Schüler sitzt in der Ecke, hält das Manuskript in der Hand und sorgt für die Geräuschkulisse, während ihr Mann Hajo Fickus als Theaterdirektor sowie Tilman Schauwecker und Reinhard Böhm als die beiden Clowns das Stück spielen. Monika Schüler wird nur einmal eine kleine Rolle als Assistentin übernehmen.
Das Wolfgang-Deichsel-Stück handelt von zwei alten Schauspieler-Kollegen, die nach Jahren zum ersten Mal wieder mit ihrem Clowns-Programm auftreten und vor der Aufführung nur einmal proben können. Die Zuschauer wohnen dieser Probe bei - samt den künstlerischen und privaten Katastrophen der Protagonisten.
"Zappzarapp" mit seiner "Mischung aus Ernst und Spaß" sei "kieseltypisch", sagt Hajo Fickus. Er hat es ausgesucht, wie all die anderen Stücke der vergangenen Jahre auch. Dabei bevorzugt Fickus Autoren des 20. Jahrhunderts. Kafka, Brecht, Dürrenmatt, Tabori beispielsweise. Zwischendurch standen auch Collagen und Revuen ohne feste Textvorlage auf dem Kiesel- Programm. Fickus sucht voll Experimentierfreude und Lust auf Wechsel nach Stücken mit kleiner Besetzung. Einmal standen neun Leute gemeinsam auf der Bühne, doch Fickus bevorzugt ein noch kleineres Ensemble. Am meisten Spaß, sagt er, macht ihm die Entwicklung eines Stücks. In den meisten Produktionen hat er auch Regie geführt.
Fickus ist es auch, dem die Theatergruppe Kiesel ihre Existenz verdankt. Auf der Straße wird er schon mal mit "Herr Kiesel" angesprochen. Als Deutschlehrer hatte Fickus in Isny eine Stelle gefunden. Der Leidenschaft, die ihn schon während der Studienzeit gepackt hatte, wollte er auch im Allgäu frönen. Deshalb gab er eine Anzeige auf und suchte nach Partnern fürs Theaterspiel. Er fand sie schnell, und nach einem Wochenende auf der Hütte wurde die erste Aufführung geprobt:. Zwei Einakter waren es, Antikriegsstücke in friedensbewegten Zeiten. Dieser Aufführung im Jahre 1983 verdankt die Gruppe übrigens ihren Namen: "Kiesel" kam in einem der Einakter als Name vor, im anderen spielten Kieselsteine aus der Argen als Requisiten eine Rolle.
Die Besetzung wechselte immer wieder im Laufe der Jahre. Oft waren Schüler dabei, die Stadt und Theatergruppe zwecks Ausbildung irgendwann verließen. Tilman Schauwecker, im Hauptberuf Lehrer am Rupert-Neß-Gymnasium und Leiter der dortigen Theatergruppe "Mugnogg", ist schon von Anfang an dabei und hat immer wieder mitgespielt - am liebsten schräge Kunstfiguren mit Witz , so wie dieses Mal in "Zappzarapp". Er liebt das Zusammenspiel auf der Bühne, den Auftritt vor dem Publikum. Genauso wie Reinhard Böhm, Erzieher, Krankenhaus-Clown und langjähriger "Kiesel"- Darsteller.
Die Aufführung an Silvester wird die 100. im Kornhaus sein - gespielt hat die "Theatergruppe Kiesel" allerdings schon an die 200 Mal, schätzt Hajo Fickus --und sie ist dabei schon weit herumgekommen: Stuttgart, Karlsruhe, Radolfzell, Winterhur und sogar Barcelona.
Lampenfieber haben die Darsteller auch noch nach all den Jahren. "Ich glaube nicht, dass man gut spielt, wenn man keins hat", sagt Hajo Fickus.
Kritik der Schwäbischen Zeitung Wangen vom 3. 1. 2003:
Gelungener Spagat zwischen Aberwitz und TragikWANGEN - Mit der Premiere zu Wolfgang Deichsels "Zappzarapp - die Panik der Clowns hinter dem Vorhang" und einer beeindruckenden Leistung entließ die Theatergruppe Kiesel ihr Publikum in die Silvesternacht.
Von Vera Stiller
Daran besteht wohl kein Zweifel: Menschen lachend zu machen gehört zum Schwersten, was Dreh- und Rollenbücher zu vergeben haben. Wenn es nicht das Schwerste überhaupt ist. Gar zu unterschiedlich angelegt sind gerade in der Abteilung "Komödie" die Lachmuskeln, zu verschieden die Meinungen über das, was wirklich komisch ist. Während dem einen vor Vergnügen die Tränen laufen, kann ein anderer lediglich schmunzeln. Und der Dritte schüttelt vielleicht nur unverständlich den Kopf.
Um es vorweg zu nehmen: Der Theatergruppe Kiesel gelingt mit ihrem neuen Stück der Spagat zwischen dem Aberwitz und den feinen Untertönen einer Tragikomödie. Bei allem Klamauk, den die Handlung über die erneute Aufnahme altbekannter Clownsnummern in sich birgt, verlassen die drei Hauptdarsteller nie den Boden des Ästhetischen. Sie können ebenso schrill und polternd wie ab- und hintergründig sein. Ihr Spiel ist Spaß und Ernst zugleich. Wie lässt es der "hessische Molière" eine seiner Zappzarapp-Figuren sagen? "Man lacht, aber hat man es auch kapiert?"
Tilman Schauwecker ist Klaus Cranach, der gemeinsam mit seinem alten Schauspielkollegen Artur Buss, überzeugend von Reinhard Böhm Gestalt und Seele verliehen, nach Jahren der Trennung zum ersten Mal wieder auftreten will. Und die nur für eine einzige Probe direkt vor der Aufführung Zeit haben. Schauwecker gelingt es in hervorragender Weise, auf der einen Seite den isoliert lebenden Schauspieler und am Ende verzweifelten Regisseur von "Zappzarapp" und auf der anderen den geheimnisvollen, intrigierenden und in sich selbst verliebten "Weißclown" zu verkörpern.
Für Hajo Fickus auf den Leib geschnitten ist die Rolle des Hartmut Seiffert, der im Clown-Programm verschiedene Charaktere von Direktoren darstellt. Mal großartig als Leiter eines vornehmen Varietés von Weltruf, mal auf Ordnung und Haltung bedachter Chef eines Bankrottunternehmens, der "ohne Sinn für die Unordentlichkeit des Lebens" den Hintergrund dafür liefert, dass "das Läppische komisch wird". Fickus, der auch Regie führt, steht im Spiel wie im Leben "Schlangendompteuse" Monika Schüler in einer Nebenrolle zur Seite.
Es ist eine reife Leistung, die die "Kieselsteine" da abliefern. Köstlich beispielsweise die Szene mit "Wilhelm Tell", der, bevor sein Kollege die von ihm abgefeuerte Kugel mit den Zähnen auffangen soll, noch schnell der zuvor tragisch geendeten Bühnenpartner gedenkt. Herrlich, wie Tilman Schauwecker alias Dr. Charivari zunächst auf den Schultern von Butz, dem dummen August, dann allein auf einem Stuhl seine "Flamenco"-Nummer abzieht. Bewegend zum Schluss die resignative Stimmung: "Wir sagen ab!" Um wenig später doch noch vor den Vorhang zu treten. The Show must go on. "Veronika, der Lenz ist da."