Café Hagen
Ein Nibelungenduett sehr frei nach Friedrich Hebbel
mit Hajo Fickus und Monika Schüler

Wer kennt sie nicht,die Geschichte vom Drachentöter Siegfried und seiner Liebe zur schönen Königstochter Kriemhild, von der Walküre Brunhild, die die stärksten Männer im Kampf besiegt, vom Unhold Hagen, der Siegfried ermordet, weil der peinliche Staatsgeheimnisse ausplappert?
Aber so überraschend komisch und aktuell, wie die Theatergruppe Kiesel die alte Nibelungensage erzählt, hat man sie wohl noch nicht gesehen:
In einer Mischung aus Theater, Kabarett, Comedy und Clownerie wird Siegfried zum Verwandten Supermans, Hagen tritt in Sternenkrieger-Maske auf, da müsssen isländische Meisterschaften im Dreikampf ausgefochten, König Gunthers Potenzprobleme gelöst werden und vieles mehr.
Gespielt werden alle Rollen dabei von nur zwei Darstellern, Monika Schüler und Hajo Fickus, der auch für Textfassung und Regie verantwortlich zeichnet.
Premiere: 8. September 2001
Aufführungen in Wangen, Isny, Vogt, Friedrichshafen und Karlsruhe 2001/2002
| Café Hagen: Sagen-Helden im Nudelsieb |
(Schwäbische Zeitung Friedrichshafen vom 29. 04. 2002)
FRIEDRICHSHAFEN - Ein Schuss. Ein Treffer. Und der Held liegt tot am Boden. Im Nibelungen-Duett der Theatergruppe Kiesel stirbt Siegfried an einer Überdosis Blei. Auch sonst hat es bei der originellen Interpretation des Sagen-Stoffes am Freitag so manchen Klamauk und Kalauer gegeben.
Von Felix Kästle
Keine glanzvolle Kulisse, keine prunkvollen Gewänder: In der modernen Version der germanischen Heldensage um Hass und Liebe, Verrat und Untergang trägt König Gunther keine goldene Krone sondern ein Nudelsieb aus Messing auf dem Kopf. Auch Rächer Hagens Kopfschmuck entspricht nicht der Mode der Zeit. Düster schaut er unter einem Jeti-Ritter-Helm hervor - die 80 Zuschauer erheitert's.
Passend zu den neuzeitlichen Requisiten - wie Plastikschwert und einem mit dem Zeichen von Supermann verzierten Schild - ist die Sprache. Da bezeichnet Siegfried manches als geil, den Beischlaf umschreibt er mit "Minne, Minne machen" und statt zum Schiff geht er zum Schiffen. Auf den Punkt gebracht: Im Unterschied zu Richard Wagners Marathon-Aufführung erwarten das Publikum 100 heitere Minuten. Denn was Hajo Fickus und Monika Schüler einst als Drama geplant hatten, entwickelte sich zur gagreichen Komödie "Cafe Hagen". Nur gelegentlich erinnert das Wangener Schauspielduo, das wie im Flug Verkleidungen und Rollen wechselt, an das dreiteilige Trauerspiel von Friedrich Hebbel. Ursprünglich ist der blutige Schluss. Ihn liest Hajo Fickus auf Mittelhochdeutsch vor - beeindruckend, allerdings nur fetzenhaft verständlich. Im Gegensatz dazu steht die klare Handlung. Auf das Wesentliche verdichtet und die entscheidenden Szenen witzig gespielt geht es von Schauplatz zu Schauplatz: Da hält Siegfried am burgundischen Hof um die Hand der Königsschwester Kriemhild an. Er erhält sie aber erst nachdem er - mit Hilfe einer Tarnkappe und anstelle von König Gunther - die isländische Königin Brunhild bezwingt. Der Gag der Szene: Wie ein Sportreporter bei einer Live-Übertragung kommentiert Hajo Fickus den Zweikampf. "Gunther gewinnt gegen Brunhild im Speerwerfen. Die burgunder Schlachtenbummler jubeln, werfen mit Schneebällen und getrocknetem Fisch." Die Zuschauer lachen - auch über den anschließenden Dialog zwischen Gunther und Hagen, der den König fragend auf die Liebesnacht vorbereiten will: "Ist eure Lanze zum Sturm auf die Festung bereit?" - "Ihr sprecht in Rätseln", so der verwirrte König.
Immer wieder durchschneiden Gags den Stoff - mal ist es ein Werbespot zu Café Hagen, mal ein Kommentar zur politischen Prominenz bei den Bayreuthern Spielen oder eine flapsige Bemerkung: "Ich hab' keine Lust zu sterben. Spiel du den Siegfried", sagt Monika Schüler vor der Mordszene. Und anders als beim tragischen Schluss der Sage, in dem Kriemhild Hagen den Kopf abschlägt und der Sänger um die Toten jammert, endet "Cafe Hagen" mit viel Applaus.
| Männer-Gespräche ums "Minne, Minne machen" |
(Schwäbische Zeitung Wangen vom 8. April 2002)
WANGEN - Dass sich die Theatergruppe "Kiesel" auch an alte Stoffe wagt und ihnen den von ihrer Geschichte geforderten Respekt versagt: Davon konnte man sich am Samstagabend im Kornhaus bei "Café Hagen" überzeugen.
Von Walter Rech
Das Nationalepos Nibelungenlied mit seiner "unseligen Rezeptionsgeschichte", so die Programmbroschüre, und dessen heute schwer erträgliches Pathos einmal gründlich aufzumischen, ist Ziel der Aufführung. Hajo Fickus und Monika Schüler stellen diese, gemeinsam inszenierend und agierend, auf die Bretter.
Heraus kommt eine witzige Medien- und Konsumpersiflage mit Seitenhieben auf die aktuelle Politik. Passagen aus Friedrich Hebbels Drama "Die Nibelungen", Mitte des 19. Jahrhunderts uraufgeführt, bilden das Gerüst, wobei das Duo Fickus/Schüler in der Tat "sehrfrei" mit der Vorlage Hebbels umgeht.
Wo Hebbel dazu ansetzt, den Stoff psychologisch zu durchdringen, wendet die Produktion der Kieselianer dessen Ernsthaftigkeit ins Lächerliche. Zum Beispiel mit dem pubertär überkandidelten Gör Kriemhild (Monika Schüler), das die sportlichen Wettkämpfe nach Siegfrieds Eintreffen am Burgunderhof, das Gesicht halb hinterm Fächer verborgen, ansieht und sich dabei eins abkichert. Etwa mit einem Gespräch von Mann zu Mann: Hagen will wissen, ob Gunther (beide Hajo Fickus) auch "Minne, Minne machen" könne, nachdem Brunhild von Siegfried zu einem handzahmen Paket zusammengeschnürt wurde.
Nudelsieb auf Eierkopf
Der König, den Eierkopf nudelversiebt, kapiert die Rede vom Aufstand der Männlichkeit nicht, was Hagen zu variantenreicher Verbaldrastik anregt. Als geniale Rettung erscheint, werbewirksam präsentiert, "Café Hagen", das Potenzsäftle gegen männliche Erschlaffung.
Wenn es gilt, das breite Personrepertoire des Nibelungenstoffes darzustellen, zeigt das Duo Fickus/Schüler erstaunliche schauspielerische Beweglichkeit und Fantasie. Dies ist umso mehr zu betonen, als die nur halb besetzten Stuhlreihen nicht eben inspirierend gewirkt haben dürften. Allerdings gelingt es nicht, persiflierend überdrehte und ruhigere Spielphasen nahtlos miteinander zu verschmelzen.
Das Publikum freilich schien's zufrieden und klatschte ausgiebig Beifall.
| Ein Nudelsieb fürs königliche Heldenhaupt |
(Schwäbische Zeitung Wangen vom 10. September 2001)
WANGEN. "Café Hagen" - dahinter verbirgt sich eine geballte Ladung bester Komik wider den Ernst deutscher Helden- und Göttersagen und vor allem, was deren bisherige Rezeptionsgeschichte angeht. Die Wangener Theatergruppe Kiesel wartet mit einer sehenswerten Neuinszenierung auf, die am Samstagabend in der Bücherei im Komhaus Premiere hatte.
Von Babette Caesar
"Ein Nibelungen-Duett. Sehr frei nach Friedrich Hebbel" heißt es im Untertitel zu diesem knapp zweistündigen Bühnenwerk, in dem Hajo Fickus und Monika Schüler sämtliche Rollen der am Liebes- und gegenseitigen Rachespiel beteiligten Kontrahenten übernehmen. Kriemhild und Siegfried, Gunther, Brunhild und Hagen kommen in diesem verknoteten Ringelreihen aus misslungenen Heldentaten zum Zuge - doch einmal ganz anders als wie wir es aus Wagners dramatisch-verklärten Epen und damit einher gegangenen Umdeutungen nach eigenem Gustos kennen.
In dieser aktuellen Version kämpfen die wackeren Helden gegen aufgeblasene Plastikdrachen, besitzen bestenfalls kleine bunte Pappburgen und tragen statt der schweren Goldkrone zur Abwechslung einmal ein extra dekoriertes Nudelsieb zu Haupte. Ein "Spektakel der Spitzenklasse" hieß es nach einer kurzweiligen Leseprobe aus der mittelhochdeutsch-germanischen St. Galler Fassung und es geriet zu einer gewagten Improvisation aus Hagen mit Alienmaske und Siegfried in Cowboy-Staffage.
Was das Stück über die gesamte Spieldauer trägt, ist der schnelle Wechsel zwischen der realen heutigen Welt und Gespieltem. Schüler und Fickus präsentieren sich gleichsam als Iniatoren und Ausführende des gerade Erdachten. Auf diese Weise erfährt mythisch Überhöhtes einen ungewohnt neuartigen Umgang, bei dem Siegfrieds Blutbad nach dem Sieg über den Lindwurm aus organisatorischen Gründen übersprungen und dafür lieber Volkers lyrischer Verzückung in Erwartung der zu erobernden Brunhild gehuldigt wird.
König Gunther, der vermeintlich über allen Dingen stehende Burgunder, entpuppt sich als "Schlappschwanz" in Sachen Minne-Machen, was ihn auf den Boden menschlicher oder gar männlicher Unzulänglichkeiten ankommen lässt. Und auch wenn Siegfried ihm da mit der Eroberung der eisernen Brunhilde nochmals aus der Patsche hilft, scheinen Frauen bereits zu frühen Ritterzeiten am längeren Hebel gesessen zu haben. Wagners tapfere Recken geraten in puncto der viel gepriesenen Tugendhaftigkeit deutlich ins Abseits, was dann allerdings Kriemhild vor heimtückischen Gemeinheiten ebenso wenig zurückschrecken lässt.
Hagen von Tronje, wie alle anderen Figuren auch, abwechselnd von Monika Schüler und Hajo Fickus gespielt, tritt als rundherum schwarz gekleideter Experte für alle Fälle vor sein Publikum. Hilflos und aberwitzig kommen seine gereimten Anzüglichkeiten daher, an denen der schlaffe Gunther vergebens herumrätselt.
"Café Hagen" - den Zusatz Viagra hätte man sich sparen können - als spezieller Saft könnte da Abhilfe schaffen! Großes Fazit dieser auf den Stand moderner Zeit gebrachten Neufassung ist eine tragikomische Entmythifizierung germanischer Heroen, die dadurch ihre vorgetäuschte Einzigartigkeit gegen offen zugestandene Verwundbarkeit eintauschen.
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